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Udo Lindenberg rockt in der U-Bahn

Eigentlich lässt die BVG im Zug niemand spielen: Udo Lindenberg schon – der wollte nach Pankow.

Da ertönt Musik in der U-Bahn – und ausnahmsweise guckt mal niemand genervt zu Boden. Aber logisch, hier hatte sich ja kein Hobbymusiker in der U-Bahn angekündigt, sondern Udo Lindenberg. Am Mittwochabend hat er ein Sonderkonzert auf der Schiene gegeben und sein seit mehr als 30 Jahren besungenes Lied „Sonderzug nach Pankow“ kurzweilig Realität werden lassen.

„Ein alter Traum wird wahr, das ist eine Vision, die ich schon lange mit mir herumtrage“, spricht Lindenberg ins Mikro. Mit im Zug sitzen Monika und Harald Lazina. „Wir sind mit Udo erwachsen geworden“, sagt der 65-Jährige mit der derben Lederjacke und dem weißen T-Shirt.

„Mal gucken, vielleicht können wir Udo ein Beinchen stellen“, scherzt er. Und das können sie tatsächlich. Die Bahn ist gerammelt voll, Lindenberg und seine Musiker laufen auf und ab – so zumindest der Plan. Tatsächlich bleibt der Trupp oft stehen, weil er nicht durchkommt. Begeisterte Fans sind aufgesprungen und versperren den Durchgang. Wenige Minuten später bleibt nicht nur Lindenberg, sondern gleich der ganze Zug stehen. Eine vorausfahrende Bahn ist defekt und muss aus dem Weg geschafft werden. Udo kümmert das wenig, erst singt er vom Cello, dann von dem Mädchen aus Ostberlin, später auch vom Sonderzug nach Pankow. Zwischendurch schnodderige Ansagen. „Ihr seid doch alle Textsicher“, fragt Udo ins Mikrofon. „Wenn ich in Schleudern komme , dann springt ihr ein.“

Viele Fans warten an der Endstation

Das Kurzkonzert steigt in einem Sonderzug, bestehend aus vier durchgängigen Waggons. „Das ist die kleinste fahrfähige Einheit für den Fahrgastbetrieb“, erklärt Zugführer Thomas Anderweit vor Fahrtbeginn. Aufgeregt, einen so prominenten Gast zu chauffieren, sei er nicht. Während der Fahrt lässt er den Zug langsam durch die Bahnhöfe gleiten, Halts gibt es keine. Draußen stehen einige Fans mit Kameras und knipsen den Sonderzug, die meisten schauen aber irritiert und wundern sich über die Zugdurchfahrt. Der sollte eigentlich gegen 19 Uhr in Pankow ankommen, um 19:30 Uhr fährt er dann ein. An der Endstation warten viele Fans auf den Sänger, doch der muss gleich weiter, zum Clubkonzert im Ballhaus Pankow.

So unterhaltsam das Konzert im Schacht ist, so trist ist bisweilen das Leben von echten U-Bahn-Musikern in der Stadt. Vom Publikum ignoriert und in den Zügen von der BVG unerwünscht, fristen sie ein hartes Dasein. BVG-Sprecherin Petra Reetz erklärt, dass es in allen Zügen der BVG ein striktes Musizierverbot gebe. „Wir müssen als Unternehmen die Sicherheit der Fahrgäste gewährleisten“, sagte Reetz. „Dazu gehört auch, dass sie Ansagen der Stationen gut hörbar sind – denken Sie nur mal an blinde Fahrgäste.“

In den Zügen gilt das Hausrecht der BVG. Wer hier unerlaubt musiziert, wird des Platzes verwiesen. Bei wiederholten Verstößen werden die unbelehrbaren Musikanten angezeigt. Auch das unfreiwillige Publikum – ein Entkommen gibt es ja nicht – freut sich nicht immer über die Gratiskonzerte. Natürlich werden gute Leistungen honoriert, Perlen gibt es auch unter den U-Bahn-Musikern, echte Könner verlassen am Ende des Tages die Waggons mit vollen, verheißungsvoll klimpernden Pappbechern. Das weiß auch die Sprecherin Reetz – das Spielverbot gilt trotzdem für alle.

Musiziererlaubnis in Häppchen

Anders ist das in den Bahnhöfen. Für diese erteilt die BVG Musikgenehmigungen, im Schnitt rund 60 pro Woche. Immer mittwochs können sich die Straßenmusiker eine Musiziererlaubnis für die kommende Woche holen. Die Kosten sind mit 7,20 Euro pro Tag genauso hoch wie ein Tagesticket, auch die An- und Abfahrt zum gewählten Auftrittsort ist von dem Ticket abgedeckt. Insgesamt gibt es 54 ausgewiesene Stellen, an denen die Musiker spielen dürfen. Auch hier ist alles strikt reglementiert, einige Instrumente sind erlaubt, andere nicht – Akustikgitarren sind lieber gesehen als kreischende Verstärker, Fluchtwege müssen freigehalten werden. Zugewiesen bekommen die Musiker die Plätze allerdings nicht, da gebe es einen selbstregulierenden Mechanismus unter den Straßenmusikern, sagt Reetz.