Blue Flower

Geheimes aus dem Udoversum

Udo Lindenberg bekommt den Bambi für sein Lebenswerk. Ein guter Anlass, Unerklärliches aus dem Reich des Udonauten zu erforschen: vom Liebesglück mit Nena bis zum „Ruhm“-Service im Hotel.

Das goldene Reh in der Kategorie „Lebenswerk“ geht am Donnerstagabend bei der Bambi-Gala (ARD, 20.15 Uhr) an den Platzhirschen des Deutschrocks, den Paten aller heimischen Popkünstler. Udo Lindenberg (64). Zeit also für eine Zeitreise. FOCUS Online präsentiert Lindenbergs schönste Liedzeilen aus vier Jahrzehnten und vergleicht Dichtung mit Wahrheit. Ein Realitäts-Check. Denn Lindenbergs Leben ist nicht nur ein Soundtrack, sondern ein Film, der auf wahren Begebenheiten beruht.

Reisen Sie mit durch das Udoversum...

1973: Alles klar auf der Andrea Doria

Getrampt oder mit‘m Moped. Oder schwarz mit der Bahn. Immer bin ich dir irgendwie hinterher gefahr‘n... Du spieltest Cello. In jedem Saal in unsrer Gegend. Ich saß immer in der ersten Reihe. Und ich fand dich so erregend

Gronau im tiefsten Westfalen, Gartenstraße 3. Hier wächst Udo auf. Klein die Verhältnisse, groß die Sehnsüchte. Udo nimmt früh Reißaus. 1973 erinnert er sich an die ersten Fluchten und schreibt „Cello“, einen seiner größten Klassiker. Heute ist der Text in italienischen Schulbüchern abgedruckt, als Beispiel für deutsche Pop-Sprache. Udo ist heute längst ein gefühlter Sizilianer. Und ewig rauscht die Linde.

1977: Panische Nächte

Schade, denn du wärst sie gewesen die Frau, zu der ich mich bekenn‘, mit der ich durch ein ganzes Leben renn‘, es zieht mich so zu dir hin. Doch ich kann‘s nicht akzeptieren, weil ich tief drin ein Flipper bin!

Die Flucht ist ihm gelungen, auch von einer Frau. Er hält den „Daumen in den Wind“, trampt von Gronau nach Hamburg und findet die Große Freiheit. Steht an der Alster vor dem weißen Grandhotel und träumt sich in die Präsidentensuite. Es soll noch ein paar Jahre dauern, bis er ins „Atlantik“ zieht. Erstmal lebt er zeitweise mit einem begabten Komiker namens Otto Waalkes und einem anderen begabten Musiker namens Marius Müller-Westernhagen in einer WG. Das Unfertige, Unstete in seinem Leben ist zementiert. Er besingt sich selbst als Flipper – und meint wieder mal die Flucht vor den „Dramen mit den Damen“. Flipper entwischt den Frauen. Doch keine Panik! Seinen Fans bleibt er treu. Denn wie heißt es im Soundtrack zur 70er-Jahre-TV-Serie: „Flipper ist unser bester Freund!“

1981: Udopia

Ich geh mit dir durch Dick und Dünn, aber nicht durch Dick und Doof. Bitte schmeiß nicht gleich uns‘re Liebe weg, wenn ich mal mit `ner Anderen poof.
 
Udo besingt die freie Liebe im Song „Gegen die Stömung“. Und reagiert selbst höchst eifersüchtig auf Untreue. Er bringt aber auch das unter einen Hut, nämlich seinen eignen. Ab Anfang der 80er Jahre wird der zu seiner Tarnkappe. Er trägt ihn tief ins Gesicht gezogen und die Frisur darunter in „Scheibletten“. Schnallt sich einen Gürtel um den Leib, auf dessen Schnalle „Panik“ steht. Seinen Blick, große verletzliche Augen, gilt es, mit Brillen zu verstecken. Dafür offenbart sich Udo umso mehr in seinen Liedern, seinem ganz eigenen Deutsch. Sein Freund Heinz-Rudolf Kunze beschreibt, wie Lindenbergs Sprachkreationen für eine ganze Generation von Deutschrockern stilbildend waren: „Udo ist ein Wegbereiter. Er hat mir und zahlreichen Kollegen vorgemacht, dass das geht: Die glückliche, lockere Versöhnung unserer kantigen, knirschenden, konsonantenreichen Muttersprache mit der biegsamen, vieldeutigen, groovenden Musik der Leute aus Liverpool und Memphis, Tennessee.“
 

1982: Intensivstationen

Immer lustig und vergnügt, bis der Arsch im Sarge liegt...

Der Kalte Krieg klingt auch in Udos Werken. Der Pazifist kämpft an vorderster Front. Mit „Gitarren statt Knarren“. 1983 singt er: „Entschuldigen Sie, ist das der Sonderzug nach Pankow, ich muss mal eben dahin, mal eben nach Ost-Berlin. Ich muss da was klären, mit eurem Oberindianer. Ich bin ein Jodeltalent, und ich will da spielen mit n`er Band.“ Udo wendet sich damit direkt an „Honny“, schickt dem Generalsekretär eine Lederjacke in die DDR und trällert seinen Traum von einer durchgehenden ÖPNV-Verbindung zwischen den Systemen. Er ist der einzige seiner Deutschrock-Kollegen, der gegen die Teilung Deutschlands ansingt. Die Ostdeutschen haben ihm das bis heute nicht vergessen. Udos Konzerte dort sind immer ausverkauft. Vielen war er ein Leuchtfeuer und eine Art Freiheitsstatue.

1986: Phönix

Wir war‘n zwei Detektive, die Hüte tief im Gesicht. Alle Straßen endlos, Barrikaden gab´s für uns doch nicht.

Das Detektiv-Thema zieht sich durch den Lindischen Ozean. Udo L. ist bis heute auf der Suche, liest Fährten und ermittelt. Auch bei den Damen. Sein Lied „Horizont“ ist eine Art Geheimcode. Niemand ahnt, dass er damit das Ende einer großen Liebe besingt – die Liebe zu seiner „Pop-Praline“, wie er Nena zärtlich nennt. Die beiden sind zusammen, und niemand kommt dahinter. Udo schreibt darüber in seiner Autobiographie „Panikpräsident“: „Udo L. nimmt sich, was Millionen Männer erträumen. Welche Trophäe in der großen Galerie der beglückten Göttinnen. Aus Macho-Träumen wird schnell Liebeswahn. Erste Magenumdrehungen. Würde sie ihn überhaupt erhören? Sie ist verheiratet. Aber Nena scheint gefallen zu finden am heißen Spiel. Man nähert sich, geht auf Distanz, kommt sich ziemlich nah. Muss sich unbedingt wiedersehen. Die Liaison bleibt top secret.“

Als sie sich trennen, geht der Höhenflieger auf Tauchstation, Richtung Amazonas, sucht Trost bei Urvölkern. Und leidet. Erst 20 Jahre später hat er den Schmerz überwunden, erzählt von dieser wunderbaren Begegnung – und tritt mit Nena zusammen auf.

1986: Gänsehaut

Stell dir vor, du kommst nach Ost-Berlin und da triffst du ein ganz heißes Mädchen. So ein ganz heißes Mädchen aus Pankow. Und du findest sie sehr bedeutend und sie dich auch.

Udo ist ein Webkünstler, er verwebt Fiktion mit Realität. Niemand ahnt, dass das Lied vom „Mädchen aus Ost-Berlin“ selbst erlebt ist. Im Januar 2011 wird diese Liebesgeschichte Thema seines Musicals „Hinterm Horizont“ werden. Das Stück erzählt, wie Udo sich in ein Mädchen aus Pankow verliebt. Wie die Mauer die beiden trennt, wie sie sich immer nur für die Dauer eines Tagesscheins lieben können.

Lindi will im „Republikpalast“ auftreten, denn „all die ganzen Schlageraffen dürfen da singen, dürfen ihren ganzen Schrott zum Vortrage bringen. Nur der kleine Udo, der darf das nicht und das verstehen wir nicht“. Dann ist es soweit, und Udo darf doch. Aber die Stasi sperrt die wahren Fans aus und schickt lauter FDJ-Blauhemden ins Publikum. Es dauert noch drei Jahre, bis Udo seine Fans wiedervereinigen kann.

1996: Und ewig rauscht die Linde

Ja mitunter, muss die Ratte wieder in den Gulli runter, ja zuweilen, muss sie sich wieder in den Untergrund abseilen. Und das alles rattenbreit. Und das nicht nur zur Weihnachtszeit, wie Dr. Jekill und Mr. Hyde.

Mitte der 90er wirkt Udo manchmal wie ein Darsteller seiner selbst, singt und spricht wie sein Alter Ego. Seine Kritiker können sogar kaum das Original von der Fälschung, der Karikatur unterscheiden. Es wird noch zwölf Jahre dauern, bis Udo wieder eins wird mit sich selbst, ein standesgemäßes Comeback erlebt – und über diese Zeit zwischen den Zeiten singt: „Mann, ich hab mich selber fast verlor`n, doch so`n Hero stürzt ab und startet von vorn.“ Er bringt jedes Jahr eine neue Platte raus, doch für seine Fans ist diese Zeit eine Zerreißprobe. Die treuen der Treuen treffen sich in Clubs und kleinen Bühnen und zittern ein wenig um den Meister. Zusammenbruch! Herzinfarkt! Alkohol!

Udo taucht ganz tief, um das „nasse Gold“ zu heben, schürft aus den Exzessen Kunst und behauptet, dass ihm „dicht gedichtet und nüchtern gegengelesen“ die besten Songs einfallen würden. Seine Plattenfirma spielt nicht mehr mit. Die wird sich noch ärgern. Denn der Udonaut kehrt irgendwann zurück zur Erde. Und feiert ein galaktisches Comeback. Was in den 90er-Jahren allerdings nur seine „Komplizen“, wie er enge Fans nennt, wissen und erhoffen.

2003: Panikpräsident

Ey, mein Body, Du und ich, ich weiß, Du lässt mich nicht im Stich! And‘re hätten bei so`nem Leben, längst den Löffel abgegeben. Ich hab‘ geraucht so wie ein Schlot und gesoffen wie ein Loch, ich hab‘ Dich superhart geschunden, doch Du lebst immer noch!

Er staunt selbst darüber: dass die Wüste lebt. Der Survival-Spezialist besingt das Wunder, immer wieder dem Orkus zu entrinnen. Scherzt von der „Frischhaltetüte“, in die er sich nachts wickle und von „Lady Whiskey“, die ihn zärtlich in den Arm nimmt. Der Geheimrat teilt die Tage, die er noch zu erleben gedenkt, in zwei Kategorien: alle seien gleich lang, jedoch verschieden breit. Und trinkt er einmal nicht, raucht Udo „Kräuterzigaretten“, die selbst seine Interviewpartner bedröhnen. Er lebt nach wie vor in seiner „Panikzentrale“ im Hamburger „Atlantik“-Hotel. Der Ruhm-Service wird mit „u“ und „h“ geschrieben und doch ist es ruhig um ihn. Udo überbrückt die Wartezeit auf die große Wiederkehr mit Malen. Unterm Dach des Hotels sitzt er nachts über seinen „Likörellen“, die er aus diversen Spirituosen zeichnet. Und schaut in den sternhagelvollen Himmel über Hamburg.

2008: Stark Wie Zwei

Stark wie zwei. Ich geh´ die Straße runter, stark wie zwei. Egal, wohin ich geh, du bist dabei. Ich bin jetzt stark wie zwei.

Es ist die Wiederauferstehung des Phoenix. Mit „Stark wie Zwei“ krabbelt die „Gulliratte“ Udo wieder auf den Thron der deutschen Rocker. Klar, er musste für diesen Höhenflug ganz tief runter. Bezwang sein eigenes Klischee, klingt nun nicht mehr wie ein Udo-Imitator, sondern wie ein Neuerfinder seines Ichs. Schaut „ganz tief mit der Taschenlampe in meine Seele“ und feiert Heldenverehrung zu Lebzeiten. Dass sein Lied „Stark wie Zwei“ die Trauer um den gerade gestorbenen Bruder besingt, behält er für sich und vertraut es nur seiner Poesie an. „Er ist nicht von uns gegangen – er ist vor uns gegangen.“ Genauso wie er sagt: „Andere denken nach, wir denken vor.“ Udo, der Pionier. Und alle, wirklich alle Fans von damals, folgen ihm jetzt. Andere entdecken ihn für sich neu, kolumbusmäßig. Auf dem Lindischen Ozean.

Eine aber kennt ihn wie keine andere. Von ihr singt er: „Ganz egal, was ich auch tat, du hast mich niemals ausgebuht. Mille grazie, vor dir zieh´ ich meinen Hut.“ Gemeint ist seine Gefährtin Tine Acke, seine Herzenskomplizin. Sie sieht Udo so wie niemand sonst, ohne seinen Hut. Die Kultkopfbedeckung wird übrigens in einer Allgäuer Hut-Manufaktur gefertigt. In einem Ort – wie könnte es anders sein – namens Lindenberg.

Am Donnerstagabend bekommt Udo den Bambi für sein Lebenswerk. Vor ihm ziehen wir unseren Hut.

Quelle: Focus-Online, 11.11.10